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Projektstory

Stadt mit Ideen

Was tun mit einem stillgelegten Strassenstück in der Stadtmitte? Diese Frage steht im Zentrum des Projekts «Pischte 52». Daniel Dormann erklärt, wie die Stadt Schlieren Antworten darauf sucht.


Ideen legen oft ungeahnte Kräfte frei. Auf diesen Zusammenhang hat sich die Stadt Schlieren besonnen, als sie im Frühjahr 2020 ein neuartiges Projekt vorlegte. Zwei Jahre zuvor wurde im Zentrum der Stadt ein Abschnitt der mehrspurigen Badenerstrasse stillgelegt – ein rund 300 Meter langes Asphaltstück. Weil es geradlinig verläuft, also einer Piste nicht ganz unähnlich ist, wurde das Projekt kurzerhand «Pischte 52» genannt. Die Zahl 52 bezieht sich auf zwei Ziffern der Schlieremer Postleitzahl 8952.

«Wir möchten herausfinden, welche Nutzungsarten sich die Bevölkerung für die nicht mehr genutzte Strasse vorstellen kann», beschreibt Daniel Dormann das Ziel des Projekts. «Seit Mitte 2020 können Einzelpersonen, Vereine, Gruppen, aber auch Firmen oder Institutionen ihre Ideen einbringen und sie gleich umsetzen.»

Dormann ist Leiter des Bereichs Tiefbau der Stadt Schlieren. Er amtet als Ansprechpartner und Koordinator des Projekts. Wenn er über die Pischte 52 spricht, kommt er in Fahrt. Er hat einiges zu erzählen, das Projekt liegt ihm sichtlich am Herzen.

«Das Projekt ist für die Stadt Schlieren auch ein Test», sagt der 47-Jährige. «Wir wollen die Frage beantwortet haben, wie gross das Interesse der Schlieremerinnen und Schlieremer an Mitbestimmung und Mitwirkung tatsächlich ist.»

Das Fazit nach fast zweijähriger Testphase fällt eindeutig aus: Das Interesse ist sehr gross. Die Bevölkerung drängt darauf, die Weiterentwicklung ihrer Stadt aktiv mitzugestalten. Sie hat entsprechende Vorstellungen und Ideen. Sie scheut sich auch nicht, Verantwortung dafür zu übernehmen.

Events und einmalige Kulisse
Wer erleben will, wie die Pischte 52 in den letzten 24 Monaten mit Leben gefüllt worden ist, schaut sich Fotos umgesetzter Ideen an. Es wurden Feuerwehrübungen darauf abgehalten, Food-Festivals, Fussballturniere und Treffen für Autoliebhaber. Es wurde Yoga praktiziert, es wurde getanzt und musiziert. Ein Unternehmen richtete seine Weihnachtsfeier auf dem Strassenabschnitt aus, eine andere Firma dachte an den Mitarbeiteranlass und lud das Personal zum Pétanquespielen ein.

Auch die Polizei war schon vor Ort, nicht wegen eines Einsatzes, sondern für den Dreh eines Präventionsvideos. Ein Regisseur wagte sich sogar an einen Film mit besonderer Bildführung: Das Filmteam montierte die Kamera auf ein ferngesteuertes Auto und liessen es über den Asphalt sausen.

«Wir haben rasch bemerkt, dass sich die Pischte nicht bloss für Events anbietet, sie eignet sich ebenso als Kulisse», hält der Leiter des Tiefbaubereichs fest. «Ein breites, gerades, asphaltiertes Strassenstück ohne Verkehr, zudem zentral gelegen und bestens erreichbar. Wo findet man das sonst im Limmattal?» Seine Antwort: «Nirgendwo.»

Eine Idee, an die sich Dormann besonders gut erinnert, ist das Sommerfestival «Ferienparadies Schlieren». Dafür wurden 80 Tonnen Sand herangeschafft, damit ein Teil des Strassenstücks in einen Sandstrand verwandelt werden konnte. Es gab Essstationen darauf, zwei Planschbecken, Palmen, Sonnenschirme, Liegestühle, Wasserrutschen – für Strandfeeling musste für einmal nicht in den Süden gefahren werden, ein Gang ins Stadtzentrum reichte. Zwei Kinoabende und DJ-Party waren Teil des Festivalprogramms, das mit wechselnder Abendunterhaltung auftrumpfte. Die Bevölkerung sei begeistert gewesen, so Dormann.

Der «Kümmerer» von Schlieren
Zehn Prozent seiner Arbeitszeit setzt der Tiefbauexperte für die Pischte 52 ein. Nach aussen hin tritt er als «Kümmerer» des Projekts auf. Rasch zeigte sich, dass dies von Vorteil ist: Es gibt einen zentralen Ansprechpartner bei der Stadtverwaltung für die Pischte 52 und das erleichtert vieles. Ebenso wichtig ist die Niederschwelligkeit des Projekts. Interessierte müssen kaum Aufwand betreiben, um grünes Licht für ihre Idee zu erhalten.

«Das hatten wir von Anfang an auf dem Zettel», erklärt Dormann. «Kleinere Aktionen benötigen keine Bewilligung. Sie können einfach stattfinden. Für grössere Vorhaben genügt eine E-Mail oder ein Telefonanruf mit wenigen Angaben zur Idee. Ich kümmere mich intern um allfällige Bewilligungen und organisiere nötigenfalls die Infrastruktur wie Strom oder Wasser. Die Abfallentsorgung ist ebenfalls Sache der Stadt.»

Für den Platz muss nichts bezahlt werden. Die Stadt Schlieren unterstützt die Vorhaben sogar, dafür hat der Stadtrat ein Budget gesprochen, auf das Dormann zurückgreifen kann.

Ein Freiraum für alle
Keine bürokratischen Hürden, eine zentrale Ansprechperson, ein schlanker Ablauf und freie Hand, was den Inhalt der Idee betrifft – das trägt zum Erfolg des Projekts bei. «Das Feedback aus der Bevölkerung ist äusserst positiv. An Ideen mangelt es ihr nicht. Was manchmal zu Problemen führt, sind Details bei der Umsetzung. Die Initiantinnen und Initianten stossen an ihre eigenen Grenzen. Sie unterschätzen den Aufwand, der etwa für die Materialbeschaffung geleistet werden muss. Das liegt in ihrer Verantwortung.»

Die Testphase des Projekts läuft Ende Oktober dieses Jahres aus. Dann wird das Ganze analysiert. «Bis dahin werden rund 100 Projekte auf der Pischte umgesetzt worden sein. Wenn ich mir die Projektliste anschaue, dann weiss ich, dass vieles möglich ist.»

Die gewonnenen Erkenntnisse geben wichtige Hinweise für die definitive Nutzung des stillgelegten Strassenstücks zwischen Stadtplatz und Geissweid. Sie gehen in die Planung ein, die vorsieht, die «Piste» mit dem seit den 1980er-Jahren bestehenden Stadtpark zu verbinden. Das neue Areal soll Begegnungen ermöglichen, Erholung fördern und das Zusammenleben stärken. Kurzum, es soll ein zentraler, grüner Freiraum für alle entstehen. Die Stadt Schlieren spricht von der «Grünen Mitte». So lautet der Name des betreffenden Stadtentwicklungsvorhabens.

Regionale 2025 sorgt für Aufmerksamkeit
Das Projekt «Pischte 52» ist Teil der Regionale 2025 und für die grosse Ausstellung im Jahr 2025 nominiert. «Wir sind froh, dass wir von der Regionale 2025 berücksichtigt worden sind. Schon heute stellen wir fest, dass die Pischte dank der Regionale 2025 auch ausserhalb von Schlieren ein Begriff ist.» Seit wenigen Wochen führt der neue Limmattrail am ungenutzten Strassenabschnitt vorbei. Dadurch wird dem Projekt noch mehr Interesse zuteil.

Wie es Ende Oktober 2022 weitergeht, ist noch nicht konkretisiert. «Was sich sagen lässt, ist, dass der Bau der ‹Grünen Mitte› weiter vorangetrieben wird», sagt Dormann. Die eigentliche Planung beginnt jetzt. «Ausgeschlossen ist, dass das Strassenstück überbaut wird. Die Stadt Schlieren hat es dem Kanton Zürich inzwischen abgekauft. Dabei wurde vereinbart, dass es nicht überbaut werden darf.»

Wieso nicht ein Pumptrack?
Die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften hat einen Kommentar zum Projekt vorgelegt, und zwar aus der Perspektive der Sozialen Arbeit. Darin steht, dass die Erkenntnisse aus Schlieren für andere Gemeinden mit ähnlichen Vorhaben genutzt werden könnten. Dormann stimmt dem uneingeschränkt zu: «Wir haben in den letzten zwei Jahren einiges gelernt. Der Kommunikation beispielsweise muss grosse Beachtung geschenkt werden. Nur wenn die Bevölkerung weiss, dass ein Anlass auf der Pischte stattfindet, nimmt sie auch daran teil.» Dafür seien geeignete Kommunikationskanäle und Fachkompetenz nötig. Als Stadt sei man in diesem Bereich gefordert.

Eine zweite Lehre betont er ganz besonders: «Als ‹Kümmerer› hätte ich mehr unternehmen, den Kontakt zur Bevölkerung aktiver ausbauen müssen. Meine dafür zur Verfügung stehende Zeit war aber beschränkt. Mehr ging einfach nicht.» Anderen Gemeinden würde er daher empfehlen, eine Stelle mit Vollzeitpensum vorzusehen. Das bringe nicht nur das Projekt voran, es würde zugleich die Verbindung zwischen Bevölkerung und Verwaltung stärken. Gemeint ist damit: Persönlicher Kontakt vertieft die Beziehung zur Verwaltung und intensiver Austausch schafft Vertrauen. Davon kann eine Stadt nie zu viel besitzen.

Und was sähe er, der «Kümmerer», auf der Pischte 52 vor? «In meiner Freizeit setze ich mich für Sport und Jugend ein. Deswegen wünschte ich mir einen permanenten Pumptrack auf Teilen der Pischte. Eine solche Anlage, genau wie der mobile Pumptrack, der aktuell auf der Pischte steht, bringt Menschen unterschiedlicher Gesellschaftsschichten zusammen. Das wäre eine ideale Investition ins urbane Zusammenleben.»

Verändert man die Strasse, verändert man die Gesellschaft! Eine Tatsache, die man sich ruhig merken sollte.

Das Projekt kurz erklärt

Pischte 52

Das Projekt «Pischte 52» wurde von der Stadt Schlieren initiiert. Im Kern geht es darin um die temporäre Nutzung eines stillgelegten Teils der Badenerstrasse in der Stadtmitte. Der Strassenabschnitt – genannt Pischte 52 – wurde frei, weil die Badenerstrasse verlegt wurde, und zwar im Zuge der Linienführung der neuen Limmattalbahn. Die Schlieremer Bevölkerung soll an der Ausgestaltung der Pischte 52 aktiv mitwirken. Deshalb ist sie seit zwei Jahren aufgefordert, Nutzungsideen einzubringen und zu realisieren. Die umgesetzten Ideen dienen als Grundlage für die definitive Gestaltung des nicht mehr benötigten Strassenabschnitts. Die Testphase des Projekts dauert noch bis Ende Oktober 2022.

pischte52.ch

schlieren.ch

Daniel Dormann

Er verantwortet mit seinem Team den Tiefbau der Stadt Schlieren. Zu seinen Aufgaben gehört die Projektierung der städtischen Infrastruktur (Verkehrswege, Gas- und Wasserversorgung u. a.) samt Bauleitung. Daniel Dormann betreut das Projekt «Pischte 52» als sogenannter «Kümmerer» und bildet die Schnittstelle zwischen Stadtverwaltung und Bevölkerung. Er steht ihr für sämtliche Fragen rund um das Projekt zur Verfügung.

Projekt zur Story

Pischte 52

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