Regionale 2025

Projektschau

Limmattal

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4 Städte, 12 Gemeinden, 2 Kantone – vereint und gemeinsam.

Neue Ideen für Gesellschaft, Raum und Kultur.

Wegweisende Projekte für ein vernetztes Limmattal.

Eine Plattform für Menschen, die das Limmattal gestalten.

Impulsgeberin und Motor für die Region.

projektstory

Tür an Tür

Für viele ist das Leben in einer Wohnsiedlung neu. Katharina Barandun ist Siedlungscoachin. Sie unterstützt die Bewohnerschaft von Siedlungen, sich rasch zu Hause zu fühlen. Und das zahlt sich aus – nicht nur für die Siedlung.


Frau Barandun, was ist eine Siedlung?
Eine Siedlung ist zuallererst ein Ort. Dort leben Menschen und diese Menschen bilden eine Gemeinschaft. Eine Siedlung erkennt man typischerweise an der Gestaltung. Die Siedlungsgebäude sehen gleich aus oder ähneln sich stark. Diese einheitliche Architektur gibt der Siedlung eine sichtbare Identität. Das Leben in einer Siedlung wird ausserdem von klaren Vorgaben einer Verwaltung bestimmt. Das ist wichtig zu wissen, um das Zusammenleben in einer Siedlung zu verstehen.

Wie gross muss eine Überbauung sein, damit Sie von einer Siedlung sprechen?
Persönlich zähle ich bereits ein Mehrfamilienhaus mit vier oder sechs Familienwohnungen dazu.

Ein solches Haus kommt auf fünfzehn, zwanzig Personen. Etwas wenig, oder nicht?
Ab dieser Grösse zeigen sich bereits die Herausforderungen des Zusammenlebens. Ein Beispiel ist die gemeinsame Waschküche. Es braucht nur eine einzige Partei, die sich nicht an die Waschordnung hält, und schon ist Streit vorprogrammiert. Oder das Aufstellen von Möbeln im Treppenhaus oder die Pflege des Sandkastens draussen im Hof. Natürlich bestehen klare Hausordnungen, aber diese Vorgaben einzuhalten und bei Konfliktsituationen den richtigen Ausweg zu finden, das fordert das Zusammenleben im Alltag heraus.

Sie sprechen damit das «Soziale» des Zusammenlebens an.
Richtig. Zentrale Aufgaben meiner Arbeit gehen aus diesem Bereich hervor. Der Umgang mit Konflikten ist ein solches Aufgabenfeld. Als Siedlungscoachin unterstütze ich die Bewohnerinnen und Bewohner, sodass sie ihre Konflikte selbstständig lösen können. Dank präventiver Arbeit lernen sich die Nachbarn möglichst bald nach dem Einzug kennen, um so in einer Konfliktsituation besser aufeinander zugehen zu können.

Ergeben sich automatisch Konflikte?
Konflikte gibt es immer, ganz egal, wie klein oder gross eine Siedlung ist. Wo Menschen zusammenleben, kann es zu Streitigkeiten kommen.

Sie leisten eigentlich «Hilfe zur Selbsthilfe».
Ich unterstütze die Bewohnerinnen und Bewohner, damit sie die anstehenden Herausforderungen des Siedlungslebens als Chancen einer guten und unterstützenden Nachbarschaft nutzen können.

Was ist reizvoll daran, in einer Siedlung zu leben?
Die Gründe, wieso man in eine Siedlung zieht, sind vielfältig. Bei einer genossenschaftlichen Siedlung sind es sicher die günstigen Mieten und das gemeinschaftliche Zusammenleben. Dann kann die Lage ausschlaggebend sein oder die Infrastruktur oder der Eintritt in eine neue Lebensphase. Unser Gespräch findet in der Siedlung «Limmatfeld» in Dietikon statt. Insgesamt leben 70 Kinder im Vorschulalter hier. Es sind also viele junge Familien eingezogen. Für viele Erwachsene beginnt im «Limmatfeld» ein neuer Lebensabschnitt, und für viele Kinder wird das «Limmatfeld» zu ihrem Zuhause, in dem sie aufwachsen. Das Thema Heimat spielt da rein. Auch das Bedürfnis, Teil einer Gemeinschaft zu sein und nicht mehr anonym in einem beliebigen Block zu leben, kann dazu führen, sich für eine Siedlung zu entscheiden.

Wie sehen Ihre anderen Aufgaben aus?
Ein grosses Arbeitsfeld ist die Information. Viele Bewohnerinnen und Bewohner der Siedlung «Limmatfeld» leben zum ersten Mal in einer Siedlung. Zudem gehört die Siedlung einer Genossenschaft. An einem ersten Anlass vor Bezug der Wohnungen habe ich gemeinsam mit dem Vorstand, der Geschäftsleitung und den Genossenschafterinnen und Genossenschafter der BEP die Bewohnerinnen und Bewohner darüber informiert, was genossenschaftliches Zusammenleben bedeutet. Das erleichtert den Einstieg. Zudem wurde ein erstes Kennenlernen möglich. Ein anderes Feld ist die Identifikation. Wer sich mit der Siedlung identifiziert, ist eher bereit, das Zusammenleben mit der Nachbarschaft mitzugestalten, und fühlt sich rasch daheim. Das ist für eine Siedlung und für das Zusammenleben sehr wichtig. Es sind die Menschen, die eine Siedlung beleben. Die Architektur oder die fein gestaltete Umgebung kann das Zusammenleben fördern, aber die Menschen sind der Kern.

Initiieren Sie Massnahmen, die die Identifikation steigern?
Ja. Ich berate und begleite Projekte oder sammle Informationen, die dafür hilfreich sind. Wichtig ist auch das Image einer Siedlung. Eine Siedlung ist eingebettet in ein Quartier oder in einen Stadtteil. Reagiert man ausserhalb der Siedlungsgrenze positiv auf die Siedlung, beeinflusst das ähnlich positiv die Bewohnerinnen und Bewohner. Gutes Zusammenleben hört nicht am Siedlungsrand auf.

Sie arbeiten seit 2005 als Siedlungscoachin. Wann sollte man Sie in den Neubau einer Siedlung einbeziehen?
Idealerweise schon in der Wettbewerbsphase des Neubaus. Frühe Entscheidungen der Architektur wirken sich auf das spätere Leben in der Siedlung aus. Es braucht Mut, Aussenräume wie ein Kinderspielplatz zum Teil nicht fertigzubauen, sodass sie zu einem späteren Zeitpunkt bebaut werden können, und zwar ausgehend von den Ideen der Bewohnerinnen und Bewohner. Solche Prozesse müssen professionell begleitet werden und helfen, dass sich die Bewohnerschaft mit ihrer Siedlung identifiziert.

Wann hört Ihre Arbeit auf?
In der Regel begleite ich ein Neubauprojekt zwei Jahre lang, und zwar egal, ob es sich um eine Siedlung einer Genossenschaft oder einer privaten Eigentümerschaft handelt. Während des Bezugs der Wohnungen fällt viel Arbeit an. In dieser Phase bin ich ein oder zwei Tage vor Ort in der Siedlung präsent. Ich bin dann Anlaufstelle für Fragen und koordiniere notwendige Massnahmen, die das Einleben gezielt fördern. Vor dieser Phase und danach bin ich punktuell für die Siedlung im Einsatz.

Wie schwer ist es, die Menschen dazu zu bewegen, selbst aktiv zu werden?
Das ist unterschiedlich. Die Erfahrung zeigt, dass etwa ein Drittel der Bewohnerinnen und Bewohner sich aktiv einbringen und sich für die Gemeinschaft einsetzen. Diese Personen zu aktivieren, fällt leicht. Wer kaum Interesse an der Nachbarschaft und am Geschehen in der Siedlung hat, ist normalerweise nicht bereit, sich zu engagieren.

Das Feld zwischen völliger Anonymität und enger Gemeinschaft ist breit. Gibt es ein Minimum an Nachbarschaftskontakt, das Sie als wünschenswert erachten?
Man sollte sich vor dem Briefkasten am Hauseingang grüssen. Das ist das Minimum. Wichtig finde ich ausserdem, dass man weiss, wer im Haus wohnt. Alles, was darüber hinausgeht, ist sehr schön und willkommen. Wir dürfen jedoch nicht vergessen: Nicht alle haben das gleiche Bedürfnis nach enger Nachbarschaft. Manche bevorzugen einen sehr losen Kontakt. Zudem verändert sich das Bedürfnis im Laufe des Lebens. Ein alleinstehendes älteres Paar hat andere Erwartungen an die Nachbarschaft als eine junge Familie mit Kleinkindern. Nachbarschaft definiert sich über Distanz und Nähe, das sollte man sich stets vor Augen führen.

Wie würden Sie «gute Nachbarschaft» umschreiben?
Zuallererst geht es darum, den anderen überhaupt wahrzunehmen. Wer ist mein Nachbar eigentlich? Das ist die Ausgangsfrage. In einer Siedlung geht es ausserdem vor allem um das «Wir». Man lebt nicht allein, sondern mit vielen anderen zusammen. Respekt und Rücksicht erhalten eine besondere Bedeutung in einer Siedlung. Gegenseitige Unterstützung gehört auch zu einer guten Nachbarschaft. Das schafft ein gutes Wohn- und Lebensklima.

Hört man Ihnen zu, gewinnt man den Eindruck: Eine Siedlung ist ein Testlabor. Hier werden Herausforderungen des Zusammenlebens bewältigt, die auch von einer Stadt oder Region beklagt werden – einfach im grösseren Massstab.
Das stimmt. In einer Siedlung zeigen sich sämtliche Probleme des Zusammenlebens, die auch im Grossen angegangen werden müssen. Lösungen, die in einer Siedlung funktionieren, kann man auf eine Region übertragen. In diesem Sinne lässt sich eine Siedlung, die gute Nachbarschaft ermöglicht, als ein Vorbild verstehen.

Haben Sie deshalb das Projekt «Siedlungscoach» bei der Regionale 2025 eingereicht?
Ja. Lösungen aus meiner Arbeit in Dietikon und Schlieren können auch anderswo im Limmattal umgesetzt werden. Das Projekt «Siedlungscoach» besitzt Leuchtturmcharakter. Darum bin ich sehr glücklich, dass das Projekt Teil der Regionale 2025 ist. Die Aufmerksamkeit, die das Projekt damit erhält, ist wichtig. Siedlungscoaching leistet einen Beitrag für die Zukunft des Limmattals.

Zur Person

Katharina Barandun betreut als Siedlungscoachin und Siedlungssozialarbeiterin die neue Siedlung «Limmatfeld» in Dietikon. Die Siedlung besteht aus acht Gebäuden mit 152 Wohnungen und gehört der BEP Baugenossenschaft des eidgenössischen Personals. Die 55-Jährige ist bei der BEP angestellt mit einem 50-Prozent-Pensum. Eine zweite Limmattaler Siedlung, die von der Arbeit von Katharina Barandun auf Mandatsbasis profitiert, ist die Stadtsiedlung «Reitmen» in Schlieren. Dort stehen sechs Gebäude mit 177 Wohnungen. Die Stadtsiedlung gehört zwei privaten Anlagestiftungen und ist Mitte 2020 bezugsbereit. Katharina Barandun ist seit 2005 als Siedlungscoachin tätig. Sie lebt in Ennetbaden und sagt, dass sie zur Hochform auflaufe, wenn sie Probleme des Zusammenlebens anpacken könne. Sie hat das Regionale-2025-Projekt «Siedlungscoach» angeregt.

Foto: Markus Bertschi, Zürich

BEP Baugenossenschaft des eidgenössischen Personals
Stadtsiedlung «Reitmen»
Siedlungscoach

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